Komplimente helfen
Du machst jemandem ein Kompliment. Der andere freut sich vielleicht, vielleicht sagt er auch gar nichts. Und jetzt? Wartest Du darauf, dass etwas zurückkommt? Oder kannst Du es einfach dabei belassen, diesem Menschen ein gutes Gefühl gemacht zu haben?
An solchen kleinen Dingen kannst Du eine Menge über Dich erfahren. Über Deinen Egoismus. Über Deine Großzügigkeit. Und darüber, ob Du in Deinen Beziehungen womöglich ein unsichtbares Bankkonto führst.
Ich möchte Dir ein paar Impulse geben, wie Du Egoismus und Altruismus in Deinem Leben betrachten kannst. Denn beides hat seinen Platz. Die Frage ist, ob Du selbst entscheidest, wann Du Dich um Dich kümmerst und wann Du Deine Aufmerksamkeit jemandem anderen schenkst.
Im Video „Vom Egoismus zum Altruismus“ nehme ich Dich mit in diese Überlegungen – mit persönlichen Erfahrungen und kleinen Anregungen für Deinen Alltag.
Egoismus und Altruismus: Worum geht es eigentlich?
Beim Egoismus stehst Du selbst im Mittelpunkt. Dein Vorteil, Deine Wünsche, das, was Du bekommen möchtest. Was habe ich davon? Wer gibt mir etwas? Warum bekomme ich nicht genug?
Beim Altruismus richtet sich Deine Aufmerksamkeit auf das Wohlergehen eines anderen Menschen. Du tust etwas, das ihm das Leben besser macht, ohne dafür einen eigenen Vorteil erreichen zu wollen.
Und da wird es interessant. Wenn Du jetzt fragst: Was bringt mir denn dieser Altruismus? – dann bist Du schon mitten in einem kleinen Paradox. Du suchst wieder nach Deinem Vorteil.
Vielleicht kannst Du Dich stattdessen einmal fragen: Wem könnte ich heute eine Freude machen, einfach weil ich es möchte und weil ich es kann?
Selbstfürsorge hat ihren Platz
Ich will den Egoismus nicht verdammen. Wenn Du Dich um Deine Gesundheit kümmerst, auf Deine Ernährung achtest oder überlegst, ob Du Dich genug bewegst, dann beschäftigst Du Dich mit Dir selbst. Das ist durchaus angebracht.
Wie wichtig bist Du Dir selbst? Wo vernachlässigst Du Dich? Auch diese Fragen gehören zu einem selbstbestimmten Leben.
Du musst Dich also nicht ein für alle Mal für Egoismus oder Altruismus entscheiden. Du kannst abhängig von der Situation bestimmen, was gerade angemessen ist. Im Beruf kann es sinnvoll sein, die eigenen Interessen zu vertreten. Wie Du mit einem Freund oder Deiner Partnerin umgehst, ist wieder eine andere Frage.
Mir geht es darum, dass Du darüber nachdenkst. Dass Du eine eigene Position findest und bewusst entscheidest, wie Du leben möchtest.
Führst Du ein soziales Bankkonto?
Ein Freund tut Dir einen Gefallen. Und in Deinem Kopf beginnt die Buchhaltung: Jetzt bin ich ihm etwas schuldig. Wenn er mich das nächste Mal fragt, muss ich etwas zurückgeben.Vielleicht läuft es auch andersherum. Du hast geholfen, zugehört oder jemanden eingeladen. Jetzt ist der andere dran. Schließlich hast Du etwas eingezahlt.
Dieses soziale Bankkonto kann erstaunlich genaue Regeln haben. Wer hat wie viel gegeben? Was steht mir dafür zu? Wann wird ausgeglichen?
Überleg Dir einmal, wo Du so rechnest. Gerade in Beziehungen kann sich diese Haltung einschleichen: Erst wenn ich genug Aufmerksamkeit bekomme, gebe ich Dir meine. Erst wenn Du mir zeigst, dass Du mich magst, zeige ich es Dir auch.
In meinen Workshops schlage ich den Teilnehmern zum Beispiel vor, anderen Menschen Komplimente zu machen. Etwas wahrzunehmen und dazu eine positive Bemerkung zu äußern. Dann kommt gelegentlich die Frage: Wenn der andere mir keine Komplimente macht, warum soll ich ihm eines machen?
Weil Du es kannst. Weil Du Dich entschieden hast, diesem Menschen ein gutes Gefühl zu machen. Du brauchst dafür kein Rückkompliment. Du kannst die Bemerkung einfach stehen lassen.
Gemeinschaft braucht jemanden, der einlädt
Wann hast Du zuletzt Gäste eingeladen? Und wie viele Deiner Nachbarn kennst Du eigentlich? Als meine Eltern ihr Haus am Stadtrand gebaut haben, war es selbstverständlich, dass die Nachbarn gemeinsam anpackten. Einer war dran, dann der nächste. Man brauchte einander, kannte sich und machte Dinge zusammen.
Heute beobachte ich oft, dass Menschen nebeneinander leben und wenig voneinander wissen. Man grüßt sich. Das war es dann. Gemeinsinn ist etwas, das Du kultivieren kannst.
Bei mir gibt es üblicherweise am Samstagmorgen ein Jungsfrühstück. Wer von meinen Freunden oder Trainern gerade in der Stadt ist und kommen mag, ist eingeladen. Wir essen, reden und lachen. Ich rechne dabei nicht aus, wer mich als Nächstes zurückeinladen müsste oder welcher Kontakt meiner Karriere nützt. Ich mag diese Gemeinschaft.
Ein Trainer hat sich einmal bei mir beklagt, dass er keine Freunde habe. Ich habe ihm die Aufgabe gegeben, ein halbes Jahr lang jeden Donnerstag ein Essen für sechs Gäste zu veranstalten. Die ersten hat er tatsächlich in der Fußgängerzone angesprochen und eingeladen. Von diesen ersten Gästen sind ihm zwei als enge Freunde geblieben.
Du weißt vorher nicht, was aus einer Begegnung wird. Du kannst ihr aber einen Platz in Deinem Leben geben.
Wenn Deine Selbstoptimierung keinen Platz für andere lässt
Mit einer ständigen Beschäftigung mit Dir selbst habe ich ein Problem, wenn Du Deine Umgebung irgendwann nur noch als Zulieferer betrachtest: für gute Gefühle, für Bestätigung, für Deine persönliche Weiterentwicklung.
Schau einmal hin, ob Du solche Tendenzen bei Dir kennst. Und wenn Du jetzt innerlich ganz entrüstet sagst, dass Dir so etwas bestimmt nicht passiert, lohnt sich vielleicht ein zweiter Blick.
Du kannst das schon beim gemeinsamen Essen beobachten. Da sitzt jemand vor Dir, ist aber gleichzeitig damit beschäftigt, das Essen zu fotografieren und anderen zu zeigen, wie großartig der Abend gerade ist.
Wenn ich mich mit einem guten Freund treffe, möchte ich seine ganze Aufmerksamkeit haben. Deshalb sage ich inzwischen auch einmal vorher: Die Kamera bleibt heute in der Tasche.
Es geht um die Qualität des Miteinanders. Bist Du gerade bei diesem Menschen? Oder überlegst Du schon, wie Du Dich mit dieser Begegnung nach außen präsentieren kannst?
Altruismus im Alltag: Fang mit kleinen Dingen an
Du brauchst dafür kein großes Vorhaben. Gelegenheiten gibt es genug.
- Hör einem Freund zehn Minuten aufmerksam zu. Tauch in seine Welt ein, ohne anschließend dieselbe Aufmerksamkeit für Dich einzufordern.
- Mach ein ehrliches Kompliment. Nimm etwas wahr, das Dir gefällt, und sag es. Lass dem anderen seine Reaktion.
- Lade jemanden zum Essen ein. Weil Du Lust darauf hast und es kannst. Ohne bereits die Gegeneinladung einzuplanen.
- Schenke einem Menschen Zeit, den Du kaum kennst. Vielleicht entsteht auf einer Parkbank ein Gespräch mit jemandem, den Du nie wiedersiehst.
Bei mir hat die Geburt meines Sohnes viel verändert. Ein kleines Kind fordert ganz selbstverständlich Aufmerksamkeit und Zuwendung. Baden, füttern, sich kümmern. Heute würde ich sagen, mein Baby hat mir eine besondere Form des altruistischen Trainings gegeben. Diese Zuwendung blieb nicht auf die Beziehung zu meinem Sohn beschränkt.
Vielleicht kennst Du solche Erfahrungen aus Deinem eigenen Leben. Momente, in denen Du etwas aus Liebe oder Zuneigung getan hast, ohne vorher zu rechnen.
Weil ich will und weil ich kann
Für mich gehört Großzügigkeit zu den wichtigen Prinzipien im Leben. Ich fühle mich reich beschenkt. Da kann ich etwas abgeben.
Wenn ich von Fülle spreche, meine ich dabei auch eine innere Haltung: wahrzunehmen, wo Menschen es gut mit Dir meinen, wo Du Zuwendung erfährst und was Du selbst geben kannst. Dein Kontostand sagt darüber wenig aus.
Mich fragen Leute manchmal, warum ich etwas mache, das mir keinen Vorteil bringt. Meine Antwort ist einfach: Weil ich will und weil ich kann.
Nimm diesen Gedanken einmal mit in Deinen Alltag. Vielleicht ergibt sich schon heute eine Gelegenheit, bei der Du Deine innere Buchhaltung ruhen lassen kannst.
Im Video vertiefe ich diese Gedanken und erzähle Dir mehr darüber, wie ich selbst Großzügigkeit und Zuwendung erfahren habe. Nimm Dir die Zeit und überleg beim Anschauen, wo Egoismus und Altruismus in Deinem Leben ihren Platz haben.