Reife – Beruflicher Werdegang

Nach dem Studium, als frisch gebackener Ingenieur – was sollte ich nun tun? Ich hatte keine Ahnung. Der familiäre Rat lautete: „Suche Dir einen sicheren Lebensjob und mache Karriere.“

Der C.H. Beck Verlag in Nördlingen erfüllte in positiver Weise alle Voraussetzungen dazu. Der Verlag suchte einen Druckingenieur der bei der Umstellung von Bleisatz auf Fotosatz half und die reprographische Abteilung aufbaute. Eine wunderbare Herausforderung, die ich gerne annahm. Nur war ich leider schon von den „Freiheitserfahrungen“ vor und während des Studiums verdorben. Nach drei Monaten Arbeit wehrte sich alles in meinem Unbewussten gegen eine solche „sichere“ und „krisenfeste“ Anstellung. Ich wurde krank, schwer krank.

In meinen Fieberträumen, hatte ich die klare Vision, dass die Ideale meiner Eltern nicht die meinen waren und ich nicht auf dieser Welt bin, um die Wünsche und Träume meiner Eltern zu erfüllen. Ich erkannte, dass meine Krankheit ein ein starkes Signal war, das mir mein Körper sendete. Ich akzeptierte die daraus folgende Erkenntnis. Ich wusste also, was ich nicht wollte, wusste damit aber keineswegs, wohin meine Reise führen sollte.

Ich grübelte lange und kam zur Erkenntnis, den Ausdruck „Reise“ buchstäblich zu nehmen. Derjenige, der am weitesten in der Welt draußen tätig war, war Heinz, der Bruder meiner Mutter. Er betrieb in Quito, der Hauptstadt von Ecuador, ein deutsches Restaurant und Catering. Ich kratzte all mein Geld zusammen, schrieb einen Ankündigungsbrief und flog los. Ich wollte erst zurückkommen, wenn ich Klarheit darüber gefunden hatte, was ich mit meinem Leben anfangen wollte.

Ein Jahr reiste ich durch Südamerika. Ich stählte meinen Charakter durch vielfache Bekanntschaften und atemberaubende Abenteuer. Mit einer Linguistenexpedition besuchte ich für einen Monat im Urwald des Amazonasbecken die Reste eines Stammes, der vorher noch nie Kontakt mit unserer „Zivilisation“ gehabt hatte. Ich freundete mich mit dem Sohn des Häuptlings an und erlebte so im wahrsten Sinne des Wortes „hautnah“ das Leben im Dschungel.

Mit dem Reisen klärten sich meine Gedanken – und meine Zukunft. In den Briefen, die ich aus der Heimat erhielt, zeichnete sich ein Angebot ab, zukünftig als Fotograf eine Stelle anzutreten. Ich reiste zurück, nahm die Stelle an und war glücklich. Ich war in der Fotografie angekommen.

Die Tätigkeit als Industriefotograf erweiterte meine fotografischen Kenntnisse beträchtlich. Eine Angestellte der Firma hatte noch direkt bei den Nachfahren Daguerres in Paris gelernt. Durch ihre herausfordernde Lehrweise trat ich, meist in meiner Freizeit, eine freiwillige Forschungsreise durch die Geschichte der fotografischen Prozesse und Techniken an. Ich fertigte Nass- und Trockenkollodiumaufnahmen an, entdeckte das „Zone System“ von Ansel Adams, präsentierte Fotografien in Gold-, Uran-, Blei- und Selentonung und entwickelte mit meinem Bruder die Technik der Heliogravüre bis zu einem Format von 40 x 60 cm. Alles das, technisch extrem anspruchsvoll, machte mir mehr Spass als Arbeit.

Eines Tages las ich eine Stellenanzeige der Firma „Rosenthal Glas und Porzellan AG“ und beschloss mich, ohne große Erwartungen, für die ausgeschriebene Stelle des Cheffotografen zu bewerben. Zu meinem großen Erstaunen wurde ich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, angenommen und trat zwei Monate später diese Stelle an.

Großes Kino wartete auf mich. Durch meine Tätigkeit lernte ich unter anderem den alten Salvator Dali, Friedensreich Hundertwasser, Ernst Fuchs, Victor Vasareli und andere bedeutende Künstler der Gegenwart persönlich kennen.

Nun war ich Spezialist: Stillifer, Abteilung Großformat. Unbedingte Qualität, das war, was zählte. Allerdings fand all das im kleinen Städtchen Selb in Nordostoberfranken statt. Das war vor der Wende – mein Deutschland endete etwa 20 km weiter im Norden. Die große weite Welt kam nach Selb, wir von dort allerdings nur selten nach draussen.

Gelegentliche Urlaube verbrachte ich mit meinem Bruder in Südamerika – mit Großformatkamera und Zeichenblock. Das war auch der Grund dafür, dass ich mir zunehmend eingesperrt vorkam, dort im „ruhigen“ Norden Deutschlands. Das sollte sich dann mit meiner nächsten Tätigkeit grundlegend ändern.

Als Assistent des Geschäftsführers Fred Oed bei den TC Studios in Ludwigsburg verbrachte ich die nächsten zwei Jahre mit Konzeptionen und Präsentationen für alle möglichen und unmöglichen, abgefahrenen Audiovisuellen – Großprojekte. Denk Dir große Dimensionen und große Budgets und Jetset und alles, was dem Ego dient, dann liegst Du richtig.

Ich war in der großen weiten Welt tätig und wenn ich eine Idee denken konnte, sie präsentierte und verkaufte, dann wurde sie auch umgesetzt. Oft für viele Millionen Deutsche Mark. Ich lebte aus dem Vollen und verschwendete meine Kraft, die ich mit Anfang dreißig zur Verfügung hatte. Bevor ich jedoch völlig ausbrannte, änderte ein weiteres Erlebnis den Lauf meines Lebens. Ich wurde Vater.

Meine Partnerin Philine hatte ich bei Rosenthal AG kennen und schätzen gelernt. Wir bewohnten zusammen eine alte Fabrikantenvilla. Als ich nach Ludwigsburg umzog, bewarb sie sich für eine Professorenstelle in Amerika. Im fünften Monat ihrer Schwangerschaft meldete sich die UCLA (University of California Los Angeles) und bot ihr eine Lehrstelle für Industriedesign an. Hochschwanger flog sie nach Amerika, nahm die Stelle an und brachte dort unseren Sohn, Dorian zur Welt. Ihre Bezahlung was sehr gut und reichte auch für zweieinhalb Personen. So vereinbarten wir, dass ich mich während der ersten Zeit um meinen Sohn Dorian kümmern würde, während sie ihrer geregelten Arbeit nachging. Ich kündigte also in Ludwigsburg und flog nach Los Angeles.

Es war eine intensive Zeit. Ich kümmerte mich um unseren Sohn, wir verbrachten lange Tage am Strand. Ich konnte fotografisch arbeiten, verdiente nebenher Geld mit Projekten als Grafiker und Fotograf, lehrte, kochte, putzte, schnitt Fingernägel, badete das Kind – es hätte ein traumhaft glückliches Leben sein können. Aber wie das Leben so spielt, ich war nicht glücklich. Mir fehlten meine Freunde und (jetzt mal ehrlich), ich hatte so meine Schwierigkeiten von „anderem“ Geld zu leben. Mich zog es zurück nach Deutschland. Und nach knappen zwei Jahren war es dann soweit: Ich bekam ein Stellenangebot, das mir zusagte.

Ich beendete meine Zeit in den USA. Dorian war groß genug geworden, um in einer Kinderkrippe aufgenommen zu werden und so flog ich also zurück nach Deutschland. Diesmal schlug ich meine Zelte in Fürth auf. Uvex Winter Optik, ja genau, die mit den Skibrillen, diese Firma wurde mein neuer Arbeitgeber. Ich hatte die Stelle als „Leiter Kommunikation“ inne. Das bedeutete, dass ich für die Bereiche Werbung, Messe und Pressearbeit verantwortlich war.

Besonderes Glück hatte ich, weil in der Zeit meiner Tätigkeit ein völlig neuer Markenbereich „Radsport“ installiert wurde. Ich war hautnah dabei, von den ersten Planungen bis zum Produktlaunch mit einem stolzen zweistelligen Millionenbetrag Umsatz im ersten Jahr. Besonders genutzt hat mir die ausgefeilte, nach dem amerikanischen Quartalssystem orientierte Produkt- und Budgetplanung. Nach den Prinzipien, die ich dort lernte, arbeite ich noch heute bei meiner Unternehmensführung.

In Nürnberg gründete sich in dieser Zeit auch die erste Firma für Telefonmaketing in Deutschland: Sellbytel. Während einer Präsentation ergab sich das Angebot, für die Firma als Trainer tätig zu werden. Zuerst fanden die Trainings an Wochenenden und an einzelnen Tagen in meiner Freizeit statt. Mit dem Angebot eines Rahmenvertrages in der Tasche kündige ich bei Uvex, gründete meine eigene Firma und machte mich als Trainer selbständig.

Ich war nun wieder ein Spezialist: für Telefonmarketing, Verkauf und die Ausbildung der neu eingestellten Marketer.

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