Spannende Geschichten erzählen lernen für Kinder

Das Krokodil und die Weißwurst

Die Teilnehmer an meinen Workshops können nie  genug bekommen. „Chris, nur noch eine Geschichte…“ das höre ich oft. Das kenne ich so auch von meinem Sohn und das höre ich ebenfalls, wenn ich Kindern Geschichten erzähle. Leuchtende Kinderaugen, leuchtende Augen bei den Teilnehmern – was gibt es Schöneres auf der Welt. So teilt sich mein heutiger Artikel in zwei Teile.

Einmal gebe ich Dir nämlich Beispiele mit zwei meiner erzählten Geschichten. Eine davon ist die „wirklich letzte Geschichte“ vom NLP Practitioner 2008. Nach dem Schlussapplaus naja, Du weisst schon, ein Teilnehmer fragt, mehrere stimmen ein. Was also bleibt mir übrig. Dann erzähle ich eben noch eine Geschichte. Hör mal:

Chris Mulzer das krokodil und die weisswurst

Diese Geschichte habe ich in den unterschiedlichsten Varianten Erwachsenen und Kindern erzählt, immer mit großem Erfolg. Wichtig ist mir, dass sie keine großen Metaphern oder versteckte Programmierungen enthält. Dazu gibt es ganz am Ende des Artikels die zweite Geschichte von „Hänsel und Gretel“. Wenn Du lernen willst, ebenfalls solche Geschichten zu erzählen, lies einfach weiter:

Der Held ist wichtig

Jede gute Geschichte braucht einen Helden. Das ist jemand, mit dem sich die Kinder identifizieren können. Schließlich soll der Held ja etwas erleben. In der obigen Geschichte ist der lustige Held das Krokodil. Die Struktur habe ich mir bei Eugen Oker abgeschaut. Sein Buch Babba, sagt der Maxl war mir selbst eine wunderbare Anregung bei den Gutenachtgeschichten für meinen Sohn. Das Krokodil ist übrig geblieben.

Wenn Du (Deinem Kind) öfters Geschichten erzählst, kannst Du Dir dies leicht machen und eine dauerhafte Figur schaffen. Sie kommt dann immer wieder in Deinen Geschichten vor. Stelle sie Dir mit geschlossenen Augen vor! Sie muss in Dir lebendig werden. In Gedanken kannst Du Dir folgende Fragen beantworten:

Wie sieht deine Figur aus?
Welchen Namen trägt sie?
Was sind ihre Stärken und Schwächen?
Was kann sie gut, was kann sie weniger gut?
Welche Wünsche oder Ziele hat sie für ihr Leben (oder soll sie haben?)
Wovor hat sie Angst?
Wer sind ihre Freunde (siehe weiter unten)
Wer sind ihre Feinde? Familie?
Wie alt ist deine Figur?
Wo lebt sie?
Wie beschreibst Du die Umgebung in der sie lebt?

Diese Hauptfigur nennt man im Theater und im Film den Protagonisten. Er ist der wichtigste Teil Deiner Geschichte. Er ist der Held. Er erlebt, leidet, siegt, zweifelt.

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Die anderen Personen:

Dann kannst Du je nach Verlauf der Geschichte noch andere Figuren hinzu erfinden. In Film und Theater sind dies die wichtigsten:

  • der Antagonist ist der Gegenspieler zur Hauptfigur (im Kasperletheater ist dies der Räuber)
  • der Freund steht der Hauptfigur stets treu zur Seite (im Kasperletheater ist es der Seppl)
  • der Mentor ist der “Meister” der die Lehrerfahrungen transportiert (im Kasperletheater ist das der Polizist)

Dies sind die Hauptfiguren, die Du nach Bedarf durch viele Nebenfiguren (im Kasperletheater zum Beispiel durch die Gretel) ergänzen kannst.

Hast Du schon einmal Alice im Wunderland von gelesen. Stell Dir vor, ein Mann erzählte die ursprüngliche Geschichte zwei kleinen Mädchen während einer langen Bootsfahrt. Weil sie den beiden so gut gefiel schrieb er sie auf und fügte ein paar Zeichnungen hinzu. Kaum zu glauben, dass aus einer nebenbei erzählten Geschichte Weltliteratur wurde. Die Entstehung des Buches kannst Du nachlesen, wenn Du dem Link folgst.

Ich finde es spannend, dass Weltliteratur wahrscheinlich viel öfter durch das Erzählen einer Geschichte entstand. Denke nur an den Froschmeuseler, den Don Quichote, die Nibelungen, die Edda und was nicht noch alles. Geschichten haben die Welt bewegt.

Ein guter Plot macht eine gute Geschichte

So, Du hast handelnde Figuren geschaffen und sie belebt. Nun sollen Sie aber auch etwas erleben. Dazu brauchst Du eine Handlung. Eine Handlung kannst Du mit unterschiedlichen Strategien schaffen:

  1. Du kannst es wie Eugen Oker machen und Deine Kinder einfach nach dem Fortgang der Geschichte befragen. Dann allerdings brauchst Du ein gehöriges Maß an Flexibilität – was niemals schadet.
  2. Du kannst auch das Rezept von Jonathan Gottschall nehmen. Es lautet in Kurzfassung:Handlung = Protagonist + Problem + Befreiung + BelohnungJede gute Geschichte bearbeitet nach seiner Forschung ein Problem oder einen Konflikt. Der Protagonist zweifelt und leidet, endlich stellt er sich „seinem“ Thema und löst es im besten Fall. Im Kino rettet der Held damit meist die Welt.
  3. Du kannst auch die Rezepte von Joseph Campbell übernehmen. In seinem Buch Der Heros mit tausend Gestalten analysiert er die „großen Geschichten“ der Menschheit. Im Zentrum findet er immer die gleiche Grundgeschichte.

Wenn Du Kinder hast oder wenn Du Kindern öfters Geschichten erzählst, kannst Du Dich durch das Lesen dieser Bücher weiterbilden. Die Struktur Deiner Geschichte folgt damit jahrtausende alten Vorgaben. Das finde ich aus mehreren Gründen ziemlich gut. Einmal regst Du damit die Leselust der Kinder an. Zum Anderen sind sie später , wenn sie sich mit den Werken der Weltliteratur beschäftigen, mit der subbewusst aufgenommene Struktur schon „irgendwie“ vertraut.

Darüber hinaus lohnt es sich, wenn Du Dir über zwei besondere Aspekte der Struktur vor dem Erzählen Gedanken machst:

  1. Welches ist die spannendste Stelle Deiner Geschichte? Wo in der Handlung kommt sie und wie ist die Dramaturgie dahin?
  2. Wie endet Deine Geschichte?
    Was ist ihre Auflösung?
    Was ist die Moral von der Geschichte?
    Was hat der Held am Ende gelernt?
    Wie ist seine Belohnung?

Konkret ist besser als abstrakt

So, jetzt liegen die Figuren fest, sie leben  und die Handlung hast Du deutlich vor Augen. Im nächsten Schritt geht es darum, spannend zu erzählen. Dazu ein wörtlicher Auszug aus Wolf Schneiders Buch Deutsch für junge Profis:

„Wir mögen das Abstrakte nicht, das Theoretische, das Verallgemeinerte – wir lieben das Anschauliche, das Greifbare, das Einzelne. Wir sagen nicht Gemüse, wenn wir Spargel meinen – nicht Niederschläge, wenn es regnet (damit stehen die Meteorologen gegen den Rest der Menschheit allein) – und noch niemals hat einer, der Brezeln kaufen gehen wollte, sich zum Erwerb von Backwaren aus dem Haus begeben (die gibt’s nur für die Bäckerinnung).“

Beschreibe das, was geschieht so farbig und genau wie möglich. Am Besten, Du orientierst Dich an selbst erlebten Abenteuern. Du kannst ruhig übertreiben, aber den Ort und die Personen kennst Du damit bereits.

Der „Nachteil“ dieser Technik besteht darin, dass Du Abenteuer bestanden haben musst. Das macht man nicht mit den Füssen auf dem Couchtisch. Vielleicht willst Du dies als eine kleine Anregung verstehen, Dich doch einmal auf eine (Helden)reise zu begeben. Tue es für Deine Kinder oder noch besser, tue es MIT Deinen Kindern…:-))

Mit Metaphern didaktisch für Kinder erzählen

Eine Metapher im weiteren Sinne ist eine bildhafte Geschichte, die mit einem Vergleich Parallelen herstellt. In diesem Sinne verstehe ich es, wenn Du für Kinder eine metaphorische Geschichte erzählst. Vielleicht kann ich die etwas trockene Definition durch ein Beispiel veranschaulichen. Die fünfjährige Erna (oder Fritzchen) hat neuerdings Angst vor Geistern, die beim oder nach dem Einschlafen im Schlafzimmer herumspuken. „Mama, bleib noch da, die Geister kommen sonst wieder!“ mag sie sagen.

Mama (oder Papa) erzählen dann dem Kind die Geschichte von Prinzessin Lola (oder Prinz Kendrick), der nicht einschlafen konnte, weil Geister, Gespenster, Monster, Drachen oder ähnliches sein „Schlafgemach“ bevölkerten. Erfinde einen Zauberstab, oder einen weisen Mann oder was immer Dir als Lösung einfallen mag. Kleide die Verhaltensänderung in eine Geschichte und lass die Geschichte in der Auflösung der Angst enden. So einfach gestaltest Du eine „therapeutische Metapher“.

Das ist übrigens der Sinn hinter meinen vielen Geschichten, die ich im NLP Practitioner erzähle. All das sind Metaphern mit tieferem Sinn. Darüber hinaus sind sie lustig und kurzweilig. Lernen – anders als in der Schule.

Deine Stimme als wichtigstes Instrument

Wenn Du Deine Geschichte erzählst, ist die Stimme Dein wichtigstes Instrument. Mit ihr verleihst Du den handelnden Figuren Leben. Die kleine Blumenfee ist zart, der Riese ist mächtig. Drückst Du das auch mit Deiner Stimme aus? Die Technik, die Bedeutung durch die Stimmodulation zu transportieren nennt man im Modell von NLP analoge Gestaltung.

Du kannst Dir vorstellen, dass mein Krokodil anders klingt, als die Frau Kuttenlochner. Dabei darfst Du gerne Dialekt und andere sprachliche Eigenheiten nach Belieben einsetzen. Der Seppl kann lispeln oder die Gretel kann einfach mal einen Schluckauf bekommen. Den Kindern gefällt das. Wenn sie über Deine Figuren lachen und danach Witze mit dem Thema der Geschichte machen, dann hast Du die große Kür des Geschichtenerzählers geschafft.

So wirst Du der beste Märchenerzähler der Welt

Gestatte mir, Dir zum Ende noch ein paar generelle Tipps zu geben. Besonders für Eltern lohnt es sich ja, die altmodische Form Geschichten tatsächlich selbst zu erzählen in ihre Erziehung aufzunehmen:

  1. Wenn Du Deinem Kind ein Märchen erzählst, nimm Dir genügend Zeit. Diese Zeit gehört Deinem Kind (Kindern). Nebenher – vergiss es.
  2. Schaffe eine Atmosphäre der Geborgenheit. Schare die Kinder um Dich, dämpfe das Licht und Deine Stimme, vielleicht ein heisses Getränk. Das ist das klassische Ritual des Märchenerzählers.
  3. Die Zeit der Geschichte gehört der Geschichte. Vermeide Störungen und Unterbrechungen.
  4. Die Aufösung, speziell bei erziehenden, metaphorischen Geschichten ist extrem wichtig. Sie ergibt sich aus der Dramaturgie und verträgt keine Pausen. Du weisst doch, wie lästig die Werbeunterbrechungen in einem spannenden Film sind.
  5. Es schadet gar nichts, wenn Du Deine Geschichte mit der jahrtausende alten Formel beginnst: „Es war einmal…“ oder „Vor langer, langer Zeit…“
  6. Du kannst ruhig eine etwas angestaubte Sprache verwenden. „Kemenate“ oder „Schlafgemach“ klingt doch besser, als „Schlafzimmer“, nicht wahr?
  7. Du kannst ruhig auf Zwischenfragen der Kinder eingehen, speziell wenn Du nur ein Kind als Zuhörer hast. Wenn Du keine Antwort auf die gestellte Frage weisst, dann spiegele die Frage auf den Protagonisten: „Was hätte das Krokodil jetzt wohl getan?“

So, nach dem Lesen geht es nun ans Tun. Ein guter Geschichtenerzähler wirst Du, wenn Du bei jeder Gelegenheit eine gute Geschichte erzählst. Abenteuer, die Du selber erlebt hast, Abenteuer Deiner Freunde, überhaupt alles kannst Du in Geschichten verpacken. Probiere es aus, die Menschen lieben jeden, der ihnen Geschichten erzählt. Das ist Bestandteil gelebten Charismas. Und Du kannst unendlich viel Spass und Befriedigung dabei haben.

Vielleicht wirst Du herausfinden, dass die Fähigkeit zum Geschichtenerzählen einen anderen Menschen aus Dir macht. Frei nach dem Motto: „Wer gibt, dem wird gegeben!“

Und hier, weil Du die Geduld gehabt hast, bis hierher zu lesen, gebe ich Dir noch die „andere“ Geschichte von Hänsel und Gretel. Dazu hat mich das Buch von Hans Traxler Die Wahrheit über Hänsel und Gretel inspiriert.

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