Leidenschaften – Willfähriger Dilettantismus

Was mir sonst noch Freude macht.

Ein Dilettant (italienischdilettare, aus dem Lateinischendelectare „sich erfreuen“) ist kein Fachmann, sondern ein Amateur oder Laie. Der Dilettant übt eine Sache um ihrer selbst willen aus, also aus Interesse, Vergnügen oder Leidenschaft. So spricht Wikipedia.

Dieser Definition schließe ich mich sehr gerne an. Es hat in meinem Leben immer Bereiche gegeben, mit denen ich mich eine Zeitlang aktiv beschäftigte – um mich dann wieder anderen Bereiche zuzuwenden. Ich weiß aus Erfahrung, dass – eine vernünftige Zeitplanung vorausgesetzt – in jeder Lebensplanung sehr viel Zeit für derlei Dilettantismen übrig ist.

Körperliche Aktivitäten:

Seit meinem vierzehnten Lebensjahr beschäftige ich mich aktiv mit Sport. Meine Leidenschaft galt bis zu meinem 24ten Lebensjahr dem Turmspringen und dem Trampolingspringen. Ich besuchte nebenher diverse Sportschulen, als Ergebnis davon bin ich Bundeslizenztrainer für Trampolinspringer.

In der Zeit meiner beruflichen Entwicklung lag mein Fokus auf anderen Gebieten, erst als Trainer und Lehrer wurde mir (wieder) bewusst, wie wichtig ein gut in Stand gehaltener Körper für einen regen Geist ist. Das hat schon Juvenal erkannt: Mens sana in corpore sano.

Mein Wiedereinstieg in die körperlichen Aktivitäten begann mit einer dreijährigen, sehr aktiven Periode. Mit Freunden besuchte ich, zeitweise vier bis fünf Male pro Woche, das Fitnessstudio, spielte Badminton und Squash, joggte und wanderte. Ich musste erkennen, dass der Körper eines Dreißigjährigen anders gestrickt ist, als der Körper eines Fünfundvierzigjährigen. So legte ich meinen Fokus allmählich weniger auf außenorientierte Körperformungskultur sondern auf Wohlbefinden und Energiefluss bei gleichzeitiger Beweglichkeit. Yoga und Pilates leisten mir dabei bis heute wunderbare Dienste.

Im gegenwärtigen Lebensabschnitt beginne ich jeden Tag mit etwas Yoga, wobei ich mich weniger auf die körperliche Kraftentfaltung als auf Beweglichkeit und Körperspannung konzentriere. Dies ergänze ich so oft als möglich durch die wöchentliche Teilnahme an einer Yogaklasse mit überwiegend jungen Menschen – durchaus körperlich herausfordernd, jedoch immer bereichernd. Möglichst jeden Tag verbringe ich am Spätnachmittag eine Stunde „stramm gehend“ im Freien.

Damit erfülle ich ein nötiges Minimum und habe genug Zeit übrig, mich um mein Unternehmen und die vielen andern Dinge zu kümmern, die mir wichtig sind.

Reisen:

Ich stamme aus einfachen Verhältnissen und meine Ferien verbrachte ich bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr mit Familienwanderungen in direkter Nähe zu meiner Heimatstadt. Urlaub, wie wir ihn im heutigen Sinne verstehen, gab es nicht. Meine Bedürfnisse änderten sich erst, als ich das „andere“ Reisen kennenlernte.

An der städtischen Handelsschule gab es eine Gruppe befreundeter Lehrer, die auf der Basis von Kostenteilung in der Karwoche Busreisen in die Hauptstädte Europas organisierten. Diese Gelegenheit nahm ich für einige Jahre gerne wahr und lernte so Kopenhagen, London, Budapest, Paris, Rom und Madrid kennen.

Während meines Studiums plante ich mein erstes Praktikum in Rom an der Bibliotheka Vaticana. „Zufällige“ Begegnungen und Begebenheiten machten es möglich, mich stattdessen einer Gruppe von Studenten der Kunstgeschichte einer deutschen Universität anzuschließen. Jedes Mitglied der Gruppe hatte sich lange auf diese Reise vorbereitet und so gelangte ich an Informationen und Orte, die einem „normalen Touristen“ unzugänglich bleiben. Für meine Entwicklung war dieses „Praktikum“ förderlicher, als jeder Aufenthalt in einer Bibliothek.

Dasselbe gilt für meinen einjährigen Aufenthalt in Südamerika. Der Kontinent ließ mich auf Jahre hinaus nicht los. Ich erforschte auf mehreren Reisen in den Jahren danach Land und Leute. Mein Aufenthalt als Vater und „male nanny“ in Nordamerika fußte damit schon auf meinen Reiseerfahrungen und der damit gefundenen Form weltläufiger Selbstverständlichkeit.

Durch die Verlagerung der beruflichen Tätigkeit meiner Partnerin Philine nach Hongkong reiste ich über mehrere Jahre nach Südostasien. Die Lebensweise und Kultur dieser Länder fasziniert mich bis heute. Ich besuchte vielfach Japan und lernte durch und mit Freunden die traditionelle Handwerkskultur kennen. Auch China bereiste ich mit Freunden mehrfach. Thailand, Sri Lanka, Indien, Nepal, Tibet, Laos, Vietnam, Korea. Im Umfeld des TrainerTracks, dessen Teilnehmer die Früchte meiner Reiseerfahrungen genießen, entdeckte ich die Vielfältigkeit der Kulturen durch gemeinsames Reisen.

Ebenfalls gefördert durch private Kontakte, begann ich im Jahre 1995 mit regelmäßigen Reisen nach Ägypten. Ab dem Jahr 2001 reiste ich im Rahmen des Workshops „Shamanic Consciousness“ jedes Jahr mit einer Gruppe von etwa zwanzig Interessierten im November für einige Wochen durch die Wüste Sahara. Höhepunkt jeder Reise war ein privater Aufenthalt in der Cheopspyramide mit einer Trommelsession in der „Grabkammer“. Seit einigen Jahren findet diese Reise (leider) wegen der politischen Umstände nicht mehr statt.

Heute steht mir die Welt offen, das Reisen ist ein wunderbarer Bestandteil meines privaten und beruflichen Lebenskonzepts. Wo möglich reise ich in kleinen oder größeren Gruppen denn für mich gilt: Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Fotografische Projekte:

Die Freude an der Fotografie hat mich nie verlassen. Nach dem offiziellen Ende meiner beruflichen Laufbahn als Fotograf arbeitete ich nebenher über Jahre hinweg freiberuflich in vielen Projekten. Auch meine künstlerische Projektarbeit trug Früchte. Meine fotografischen Arbeiten finden sich in vielen Museen und Sammlungen.

Die bekanntesten davon sind das Museum Ludwig in Köln, die fotografische Sammlung des Stadtmuseums München, die Bibliotheque National und das Centre Pompidou in Paris, die Polaroid Collection in der Sammlung Westlicht in Wien und die Sammlung Gruber in Köln.

Meine vielschichtigen Interessen haben dazu geführt, dass ich mich heute mehr auf Anderes konzentrierte und die Fotografie eher als Instrument zur Dokumentation meiner vielen Reisen gebrauche. Es gibt jedoch noch immer Projekte, die mich zur Realisation reizen – vielleicht sind in Zukunft die Zeit und die Energie dafür übrig.

Literatur:

Ich lese sehr viel und sehr gerne. Sachbücher interessieren mich dann, wenn sie neues Wissen in mein Leben bringen und interessante Ansätze verfolgen. Ich lese Literatur weniger zeitbezogen sondern aus dem Aspekt eines idealisierten, persönlich gestalteten und universellen Bildungsgedankens heraus.

Mein Lieblingsbuch ist „Der Nachsommer“ von Adalbert Stifter. Dessen Inhalte und Werte decken sich, zumindest in ihrer idealen Form, mit meinem Lebensentwurf. Die Literatur der Aufklärung und der Romantik lese ich sehr gerne.

Wenn es im Bereich meiner Möglichkeiten liegt, investiere ich gerne in schöne Buchausgaben. Es ist mir immer noch lieber (das gilt für „klassische“ Literatur), ein schönes Buch in Händen zu halten und die Seiten umzublättern, als auf einem elektronischen Lesegerät zu lesen. Das allerdings mache ich mit der täglichen Zeitung, die ich am Morgen ausführlich lese – auf meinem iPad.

Musik:

Ich bin mit klassischer Musik groß geworden – und dabei geblieben. Zuhause wurde die Barockmusik, allen voran J.S.Bach hochgehalten. Danach kam die Wiener Klassik mit Mozart und Beethoven als Fixsterne. Danach wurde es sehr dünn. Im Verlaufe meines Lebens, speziell, seit ich meinen Wohnsitz in Berlin genommen habe, hat sich das Spektrum meiner Präferenzen stark erweitert.

Ich kann die Philharmonie in Berlin in fünfzehn Minuten zu Fuß erreichen. Die Deutsche Oper liegt fünf U-Bahnstationen entfernt. Ähnlich verhält es sich mit den anderen Kulturtempeln. Diese Konstellation achte ich als ein sehr großes Privileg und nutze sie entsprechend. Ich besuche Oper, Konzert und Schauspiel meist mehrmals im Monat.

Wenn ich sie im Konzertsaal hören kann, gehört die Musik von Gustav Mahler und Richard Strauss zu meinen Lieblingen. Wagner macht mir Kopfschmerzen, lässt mich aber nicht los. Diese Leidenschaften fußen auf einer gründlichen Auseinandersetzung mit der Musik von Johann Sebastian Bach den ich als „Lehrmeister des Hörens“ sehr hoch schätze. Als Dilettant kann ich mir diese Präferenzen leisten – und geniesse sie sehr.

Terra Pinxit – Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts

Es hat sich ergeben, dass ich das Privileg nutzen kann, Ölgemälde von Landschaftsmalern des 19.Jahrhunderts zu sammeln. Im Verlaufe der Jahre ist dabei die stattliche Zahl von fast 300 Gemälden zusammengekommen.

Die relativ geringe Wertschätzung auf dem Kunstmarkt hat es zugelassen, dass viele meiner Werke Museumsrang besitzen. Ich kaufe Gemälde und setze sie mit Fachleuten wieder in Stand. Das heisst, sie werden behutsam restauriert und möglichst originalgetreu gerahmt.

Andere kulturelle Interessen:

Das Leben ist zu schön und vielfältig um sich lange auf ein Gebiet zu konzentrieren. Ich interessiere mich für alles, das ich noch nicht kenne und was das „Wahre, Gute und Schöne“ hoch hält. In diesem Sinne bin ich der klassische deutsche Bildungsbürger. In der Malerei habe ich meine Lieblinge: Michelangelo, Rembrandt, Dürer, der späte Lovis Corinth. Adolphe Menzel, Gustave Courbet, um nur einige zu nennen. Ähnlich verhält es sich mit der Bildhauerei: Canova und Michelangelo stehen bei mir hoch im Kurs.

Auf meinen vielfachen Reisen durch China wurde ich im Umfeld eines Investitionsprojektes zum Experten für antike chinesische Möbel. Besonderen Reiz übten Besuche hochspezialisierter Fälscherwerkstätten auf mich aus. Dort lernte ich mehr über echte, alte Möbel, als in jedem Museum und im Gespräch mit „Fachleuten“.

Während der vielen Reisen nach Japan setzte ich mich, angeleitet durch Freunde, mit der Ästhetik des „wabi sabi“ auseinander. Ich sammle – im Bereich meiner Möglichkeiten – Keramik- und Lackarbeiten japanischer Künstler sowie antike Gegenstände zur Teezeremonie. Über die Beschäftigung mit japanischen Metallhandwerkern suchte ich Kontakt zu deutschen Schmieden und „bastle“ seither gerne meine eigenen Messer.

So könnte ich die Liste meiner Interessensgebiete lange fortsetzen. Spätestens wenn Du im Gespräch mit mir ein Thema anschneidest, das mich interessiert, wirst Du bemerken, das Neugierde eine wundervolle Charaktereigenschaft ist.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (18 votes, average: 4,28 out of 5)
Leidenschaften – Willfähriger Dilettantismus hat 4.28 von 5 Sterne bei insgesamt 18 Bewertungen. Wie findest Du diesen Artikel?
Share on facebook
Share on twitter
Share on pinterest
Share on whatsapp
Share on email

Vielleicht interessiert dich auch:

2 Kommentare

  • Lieber Herr Mulzer,
    wie schön, dass es Sie gibt.
    „Bald“ erlebe ich Sie im Workshop (Ende Juli/Anfang August 2019 in Berlin) – worauf ich mich (und mein Gehirn mit mir) nun über 8 Monate freuen kann. Derweil „studiere“ ich Ihre WEB Seite und News letter und „ahne“, dass mich Ihr Training und Ihre Vorgehensweise sehr anregen und bereichern – ich bin ja schon jetzt, gleich nach dem ersten VIDEO mit Freude dabei. Vielen, lieben Dank für das reichhaltige „Material“, das Sie zur Verfügung stellen.
    Ich unterstütze Menschen, die sich im „falschen“ Beruf oder/und in der „falschen“ Umgebung fühlen – so werde ich das NLP Modell lernen und lieben – FÜR meine Klienten und mich.
    Nochmals D a n k e s c h ö n.
    Herzlichst,
    Ines M. Fischer

    Antworten
  • Guten Abend Chris Mulzer,
    es liest sich sehr spannend, was Du oder überhaupt ein Mensch so viel Verschiedenes so intensiv als Leidenschaften „nebenbei“ leben, erleben, pflegen, Dir erschliessen konntest und kannst. Dass dies alles in einem einzigen Leben offensichtlich ohne Überforderung und Stress und sogar mit großer Lust und Genuss zu bewerkstelligen ist, erfüllt mich mit Staunen und Respekt. Ganz schön toll!! Deine verwirklichten Leidenschaften führen mir erfolgreich meine eigenen Knoten und Verhinderungen vor Augen. Respekt.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Share on facebook
Share on twitter
Share on pinterest
Share on whatsapp
Share on email