Du denkst an eine Situation zurück, in der Du Dich falsch verhalten hast. An eine Trennung. An eine Niederlage. An einen Satz, der Dir bis heute nachgeht. Und kaum ist die Erinnerung da, sind auch die alten Gefühle wieder da: Ärger, Scham, Traurigkeit, Angst oder dieses zähe Gefühl, im Leben benachteiligt worden zu sein.
Die Vergangenheit ist passiert. Daran gibt es nichts zu rütteln.
Aber das, was Du heute daraus machst, die Bedeutung, die Du ihr gibst, und die Art, wie Du emotional darauf reagierst – das ist für mich keineswegs in Stein gemeißelt.
In meinem Video gehe ich der Frage nach, wie Erinnerungen entstehen, weshalb sie sich im Lauf der Zeit verändern und wie Du lernen kannst, mit belastenden Ereignissen anders umzugehen.
Deine Erinnerung ist nicht in Stein gemeißelt
Viele Menschen stellen sich Erinnerung vor wie einen Film: Es passiert etwas, Du nimmst es mit Deinen Sinnen auf, und anschließend liegt es unverändert in Deinem Kopf.
So einfach ist es nicht.
Zwischen dem, was Du wahrnimmst, dem, was Du abspeicherst, und dem, was Du später wieder hervorholst, liegen viele Filter. Deine Bedürfnisse, Deine Sozialisation, Deine Persönlichkeit, Deine Erfahrungen und die Informationen, die später dazukommen.
Nimm einen Lehrer, an den Du Dich als ungerecht und streng erinnerst. Jahre später erfährst Du vielleicht, dass dieser Mensch damals schwer krank war oder privat einen schweren Verlust erlebt hat. Das Verhalten wird dadurch nicht nachträglich gut. Aber die neue Information kann Deine Bewertung verändern. Und damit verändert sich auch Deine Erinnerung an die Situation.
Zeit heilt viele Wunden, sagt man. Ich würde ergänzen: Zeit verändert auch die Bedeutung, die wir den Dingen geben. Erfahrungen, neue Blickwinkel und Gespräche können dazu beitragen.
Was Du immer wieder erzählst, verfestigst Du
Eine Erinnerung verändert sich auch dadurch, wie oft und auf welche Weise Du sie erzählst. Stell Dir den Großvater vor, der immer wieder von seiner Zeit im Schützengraben erzählt. Mit jedem Erzählen kann die Geschichte etwas anders, deutlicher, dramatischer oder besser erzählbar werden.
Das gilt auch für Deine eigenen Geschichten.
Wenn Du abends im Bett liegst und Dir zum zwanzigsten Mal vorspielst, was heute alles schiefgelaufen ist, dann beschäftigst Du Dich nicht nur mit dem Erlebnis. Du verfestigst es. Du führst einen inneren Dialog, der die Geschichte immer wieder bestätigt.
Das kann ein Teufelskreis werden. Besonders dann, wenn sich in Dir ohnehin der Glaubenssatz festgesetzt hat: Ich bekomme nie genug. Ich finde keine Freunde. Das Leben meint es nicht gut mit mir.
Solche Glaubenssätze suchen nach Beweisen. Und Du wirst sie finden, wenn Du danach suchst. Manchmal bringst Du andere Menschen durch Dein Verhalten sogar dazu, genau die Reaktion zu liefern, die Du als Beweis dafür brauchst. Daraus entsteht eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.
Welche Geschichte erzählst Du Dir über Dich?
Am Ende geht es um Dein Narrativ. Um die Erzählung über Dich selbst. Die Belege für diese Geschichte suchst Du nicht in der Zukunft – die ist noch nicht passiert. Du suchst sie in Deiner Vergangenheit. Du nimmst aus der großen Torte Deiner Erfahrungen die Stücke heraus, die am besten zu dem passen, was Du schon über Dich glaubst.
Deshalb finde ich es sinnvoll, die Frage umzudrehen. Nicht nur: Was will ich nicht mehr? Sondern: Wer will ich sein?
Wenn Du weißt, wer Du sein willst, kannst Du anders auf Deine Vergangenheit schauen. Was ist gut gelaufen? Was nicht? Welche Erfahrung möchtest Du als Lernschritt einordnen? Und welche Geschichte über Dich willst Du nicht länger jeden Abend neu bestätigen?
Das bedeutet nicht, dass Du Dir irgendetwas schönreden musst. Aber Du darfst Deine Perspektive wählen.
Vom negativen Film zur konstruktiven Alternative
Im NLP arbeiten wir mit der Art, wie Du eine Erinnerung innerlich repräsentierst. Siehst Du sie als großes, farbiges Bild direkt vor Dir? Hörst Du Deine innere Stimme besonders laut? Steigst Du wieder vollkommen in die Situation ein, als würdest Du sie durch Deine eigenen Augen erleben?
Oder beobachtest Du Dich eher wie auf einer Leinwand – mit etwas Abstand?
Für viele Menschen macht das einen Unterschied. Wenn Du eine positive Erinnerung wieder durch Deine eigenen Augen erlebst, sind die guten Gefühle meist unmittelbar da. Eine belastende Erinnerung kann dagegen leichter werden, wenn Du sie zunächst mit Abstand betrachtest: als Szene auf einer Leinwand, in der Du Dich selbst siehst.
Du kannst mit einer überschaubaren Alltagssituation experimentieren. Nimm keine überwältigende oder traumatische Erfahrung, sondern etwas, das Dich geärgert hat oder das Du gern anders gemacht hättest.
- Stell Dir die Situation wie einen Film vor und sieh Dich selbst darin.
- Geh die Szene noch einmal durch. Welche andere Handlung hätte Dir besser gefallen?
- Spiel diese Alternative in Deiner Vorstellung vorwärts und rückwärts durch, bis Du eine stimmige Version findest.
- Zieh den Film wieder näher heran und stell Dir vor, wie Du diese Situation mit Deiner neuen Handlung erlebst.
Das Ereignis wird dadurch nicht ungeschehen gemacht. Aber Du gibst Deinem Kopf eine neue Möglichkeit, darüber nachzudenken, wie Du heute handeln möchtest.
Bei sehr belastenden, traumatischen oder überwältigenden Erinnerungen gehört diese Arbeit in einen geschützten therapeutischen Rahmen. Hol Dir dafür professionelle Unterstützung.
Sprich mit den richtigen Menschen darüber
Erinnerungen werden auch dann beweglicher, wenn Du ihnen Worte gibst.
In meinen Gruppen erlebe ich oft, dass Veränderungen beginnen, wenn Menschen über das sprechen, was sie positiv oder negativ erlebt haben. Nicht, um die Welt zum hundertsten Mal als ungerecht zu beschreiben. Sondern um sich mitzuteilen: Das hat mich belastet. Das hat mich gefreut. So habe ich mich gefühlt.
Das verändert auch Gespräche mit Freunden und Partnern. Du musst nicht immer Beweise dafür sammeln, dass Deine Weltsicht die richtige ist. Erzähl lieber etwas von Dir.
Such Dir dabei den richtigen Kontext. Bei einem guten Freund, einer Partnerin, einem Partner oder einer vertrauensvollen Gruppe können Gefühle gut aufgehoben sein. Im beruflichen Umfeld gelten andere Regeln. Entscheide bewusst, wo Du Dich öffnest.
Fehler sind Lernmaterial
Eine negative Erfahrung ist nicht automatisch eine nutzlose Erfahrung. Fehler machen wir nicht, um sie gemacht zu haben. Wir machen sie, um daraus zu lernen.
Vielleicht findest Du in einer Erinnerung, die heute noch weh tut, irgendwann Aspekte, die Du anders sehen kannst. Vielleicht merkst Du: Ohne diese Erfahrung wäre mein Leben anders gelaufen. Vielleicht wäre ich nicht der Mensch geworden, der ich heute bin.
Deine Vergangenheit ist passiert, wie sie passiert ist. Aber sie ist nicht zwingend so passiert, wie Du heute glaubst, dass sie passiert ist. Zwischen dem Ereignis und Deiner heutigen Erinnerung liegt eine ganze Menge.
Du kannst die Vergangenheit nicht ändern. Deine Reaktion darauf kannst Du verändern.
Im Video zeige ich Dir die Gedanken und Übungen ausführlicher. Nimm Dir Zeit und schau Dir an, welche Geschichte Du über Deine Vergangenheit und über Dich selbst erzählst.