Kommunikationsmodelle 4: E-prime

Sechs nützliche Werkzeuge für klares Denken.

Gemeinhin wird in den vielen NLP-Büchern E-prime als wichtiger Teil des Modells von NLP und Alfred Korzybski als Schöpfer eines Sprachmodells genannt, das die Linguisten des zwanzigsten Jahrhunderts stark beeinflusst hat. Das ist nur die halbe Wahrheit. Lies mehr darüber in diesem Artikel. Du kannst Dir übrigens kostenlos den vollständigen Mitschnitt des zweitägigen Kurzworkshops zum Thema E-prime hier ansehen.

News-14-01-e-primeZuerst möchte ich mit dem Mythos aufräumen, Alfred Korzybski wäre der Schöpfer von E-prime. Er hat dazu die Grundlagen gelegt, der Begriff und die zusammengefasste Anwendung seiner Theorie stammen jedoch aus einer anderen Quelle. Doch lass uns mit dem Anfang beginnen:

Korzybski und seine „Allgemeine Semantik“

Korzybski schuf eine linguistisch / philosophische Richtung, die er „Allgemeine Semantik“ nannte und veröffentlichte seine Theorien im Buch Science and Sanity, erschienen im Jahr 1933.

Dieses Buch ist ziemlich spröde geschrieben und schwer zu lesen. Ich habe mich in monatelanger Arbeit durch die wichtigsten Kapitel des achthundert Seiten dicken Buches hindurch gekämpft. Entsprechend schwer verständlich und abstrakt ist der Inhalt und entsprechend schwer ist es auch, aus dem Gelesenen ein nutzbringendes Fazit zu ziehen. Glücklicherweise haben diese Arbeit seine Schüler erledigt.

Bourland und sein „E-Prime“

D. David Bourland, Jr., der bei Korzybski studierte, gebührt das Verdienst, im Jahre 1965 eine „Ergänzung“ zum Modell der allgemeinen Semantik publiziert zu haben (im General Semantics Bulletin). Darin schlägt er eine Schreibform und Regeln für Wissenschaftler vor, die linguistische Unklarheiten beseitigen soll. Der Titel des Essays lautet: „Writing in E-Prime.

Nonverbale Kommunikation
Experimentalseminar zur erweiterten Körpersprache

Du lernst einen neuen Menschen kennen. Wie lange brauchst Du, um zu wissen, wie Du mit diesem Menschen auskommen wirst? Nur wenige Augenblicke, oder? Deine Intuition funktioniert fast ohne Zeitverzögerung. Weisst Du, welche Phänomene dahinter stecken?

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Der Artikel behandelt Variationen des Wortes „sein“ in verschiedenen grammatikalischen Formen. Zeitweise wurden die unterschiedlichen Vorschläge für eine Reglementierung des Sprachausdrucks für alle Publikationen von wissenschaftlichen Arbeiten in Erwägung gezogen. Dies entfachte eine kontroverse Diskussion und machte E-prime über diese Diskussion allgemeinener bekannt. Die vorgeschlagenen Änderungen haben sich jedoch nie allgemein durchgesetzt. Sie haben jedoch, wahrscheinlich wegen ihrer Radikalität, Eingang in verschiedene Bereiche des Modells von NLP gefunden.

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Keyes und seine „Denkfähigkeit (thinking ability)“

Bourland publizierte sein Essay im Jahre 1965. Ein anderer Schüler Korzybskis, Kenneth S. Keyes Jr., schrieb schon im Jahre 1954 eine sehr einfach zu verstehende und gut illustrierte Zusammenfassung der Ergebnsse der „allgemeinen Semantik“ von Korzibsky. Titel des Buches: „How to Develop your Thinking Ability.“ Mit diesem Buch hat Keyes für die Fachrichtung der allgemeinen Semantik das erreicht, was Genie Z. Laborde für die Anwendung des Modells von NLP im Businessbereich entwickelte: Breite Popularität.

Keyes’s Buch ist heute, etwas zu Unrecht, vergessen. Es taugt in seiner universellen Anwendbarkeit nicht für kontroverse Diskussionen und die daraus resultierende Popularität. Im Modell von NLP findet sich ein Teil des Korzybski – Kosmos im MetaModell der Sprache wieder. Das MetaModell besteht aus einer Reihe von Fragen, die Du stellen kannst und damit die (gelöschte) Informationen wieder sichtbar macht. Die Keyes’schen Denkwerkzeuge sind Postulate, auf die Du Dein Denken fokussieren kannst, und die Dir auf diese Weise die Relativität von Denkblockaden bewusst machen können. Gestatte mir deshalb hier, zum Vergleich, die wichtigsten Postulate des Modells der „allgemeinen Semantik“ in der Zusammenfassung von Keyes hier vorzustellen.

Während das MetaModell durch gezielte Fragen die Ebenen der Oberflächen- und Tiefenstruktur herausfordert, plädieren Keyes/Korzybski für ein gesteigertes Bewusstsein der Grenzen des Ausdrucks innerhalb der menschlichen Kommunikation. Dies schlägt sich in sechs „Denkwerkzeugen“ für klare Denkstrukturen nieder. Hier findest Du die Kurzform:

1. Werkzeug: Nur Gott weiß alles.

Niemand weiß alles über jeden und jedes. Ein einzelner, kleiner, übersehener Fakt kann dazu führen, dass Du Dein gesamtes Denkgebäude und Deine Werte überdenken und korrigieren musst. Wie oft haben wir nicht in den letzten Jahren unsere Vorstellung der Entstehung der Welt korrigieren müssen? Die meisten Wissenschaftler präsentieren Dir die verschiedenen „Entwicklungsstufen“ ihrer Erkenntnis als fertigen Fakt: „Rätsel der Entstehung der Erde gelöst!“ Dabei wäre es an der Zeit, Dein neues Werkzeug einzusetzen und in Gedanken hinzuzufügen:

„Soweit ich weiß….“ 

Wenn Du Wissen auf einem bestimmten Gebiet präsentierst, hilft Dir dieses Werkzeug, Dich daran zu erinnern, dass jedes Wissen auf (D)einem Gebiet unvollständig ist. Es hält Deine Wahrnehmungskanäle für neue Fakten offen. Darüber hinaus hat es den größten Vorteil, Dein Gesicht zu wahren, wenn sich Informationen, auf deren Richtigkeit Du vertraut hast, als falsch oder überholt herausstellen.

2. Werkzeug: In Graustufen denken.

Nichts in dieser Welt (ausser einem schwarzen Loch) ist pures Schwarz oder reines Weiss. Die wenigsten Dinge sind 0 Prozent oder 100 Prozent. Dein Entweder – Oder Denken kann Dich ganz schön in die Irre führen, vor allem, wenn es darum geht, für das Erreichen von Zielen und Ergebnissen in Handlungsoptionen zu denken. Immer dann, wenn Du Dir ganz sicher bist, Du hättest nur eine „entweder“ – „oder“ Wahl, kannst Du in Gedanken hinzufügen:

„… bis zu einem gewissen Grad.“

Dieses Werkzeug soll Dich and die Gradualität von Dingen und Entscheidungsoptionen erinnern. Es soll Dein Interesse wecken oder wachhalten, die „Landschaft“ zu erforschen und herauszufinden, bis zu welchem Grad die jeweiligen „Dinge“, die Du betrachtest (Entscheidungen, Handlungsoptionen, Ziele, Herausforderungen…) immer noch jene Charakteristik behalten, an denen Du interessiert bist.

3. Werkzeug: Wer redet denn hier…?

Den Ausschnitt der Welt, den Du wahrnimmst, beschreibst Du mit Deiner Sprache. Er enthält alle Aspekte Deiner Familiengeschichte, Deiner Erziehung, Deiner Erlebnisse, Deiner Erfahrungen. Er ist damit genau so individuell, wie Du selbst. Wer aber garantiert Dir, dass das Rot des Mohns von anderen Menschen genauso wahrgenommen wird, wie von Dir. Wer kann mit Sicherheit sagen, dass das Glas, das vor Dir steht, das gleiche Glas ist, das Dein Nachbar wahrnimmt? In Deiner Sprache tust Du jedenfalls so. Du sagst: Das IST ein Glas, das IST roter Mohn. Es lohnt sich, diesen Umstand ganz bewusst in Deinen Sprachgebrauch aufzunehmen:

„In meiner Welt… (oder) Für mich…“

Dieses Werkzeug soll Dich daran erinnern, dass niemand die Welt aus allen möglichen Perspektiven wahrnehmen kann. Es erinnert Dich daran, wenn Du ein Urteil fällst, dieses Urteil auf der Basis DEINES Geschmacksempfindens, Deiner Werte und Deiner Erziehung von DIR gefällt wird.

4. Werkzeug: Unterschiede, die einen Unterschied machen.

Keine zwei Gegenstände in dieser Welt sind genau gleich. Genau dies täuscht Du jedoch vor, indem Du mehrere Gegenstände zu Gruppen zusammenfasst und mit Namen bezeichnest (die Chinesen). Genau diesen Fehler begehst Du ebenfalls, wenn Du Urteile, die auf einen Teil der Gruppierung (ein „böser“ Chinese) zutreffen mögen, mit einem Attribut verallgemeinerst (die „bösen“ Chinesen). Achte deshalb genau auf den Gebrauch von Gruppierungsattributen und frage Dich:

„Worauf beziehe ich mich…?“

Dieses Werkzeug soll dich daran erinnern, dass „ein Mensch“ nicht „alle Menschen“ ist, dass „ein Ding“ nicht „alle Dinge“ ist. Indexnummern (1., 2., 3., A., usw) und Gruppennamen (die Männer, die Chinesen, die Japaner) verleiten Dich dazu, Urteile zu verallgemeinern. Es hilft Dir, Dich daran zu erinnern, dass Unterschiede häufig eben doch einen Unterschied machen.

5. Werkzeug: Immer auf dem neuesten Stand sein.

Wenn Du nach vielen Jahren einen alten Freund wieder triffst, fällt Dir bestimmt auf, dass er Dich nach Kriterien beurteilt, Die für Dich bereits überholt sind. Er mag postitive oder negative Eigenschaften in Dir wahrgenommen haben, die Du bereits erfolgreich hinter Dir gelassen hast (oder verlernt hast). Sein Bild Deiner Persönlichkeit ist „nicht mehr zeitgemäss“. Jeder Mensch und jedes Ding ist im Verlaufe der Zeit Veränderungen unterworfen. Auch Du selbst. Die Fakten von gestern können sehr leicht die Märchen von heute sein. Es ist also sinnvoll, den Zeitaspekt in Deine Entscheidungen und in Dein Denken mit einzubeziehen. Du kannst fragen:

„Auf welchen Zeitpunkt beziehen sich meine Informationen?“

Dieses Werkzeug soll Dich daran erinnern, dass sich Deine Informationen auf den Zeitpunkt beziehen, in der Du die „Landschaft“ erforscht hast. Die Annahme, dass sich diese Landschaft im Verlaufe der Zeit nicht verändert haben könnte, ist irrig. Das kannst Du schnell herausfinden: sieh Dir einfach einmal einen Kinofilm erneut an, der Dir vor zehn Jahren gefallen hat. Lies einfach ein Buch erneut, das Du vor zehn Jahren spannend verschlungen hast. Stimmt Dein Urteil immer noch…?

 6. Werkzeug: Die richtige Stelle markieren.

Eine Person oder ein Ding kann in unterschiedlicher Umgebung (mit seinem Verhalten) sehr unterschiedlich reagieren. Auch die Interpretation dieses Verhaltens ist durchaus unterschiedlich. Ein Kopfstand in der Yogastunde kann den Beifall aller Anwesenden hervorrufen. Ein Kopfstand in der Fussgängerzone wird gemischte Reaktionen hervorrufen. Ein Kopfstand während einer Hochzeitszeremonie wird sicherlich nur Kopfschütteln und Unverständnis hervorrufen. Diese Erkenntnis hat mehrere, nützliche Interpretationen, die sich auch in den Grundannahmen des Modells von NLP wiederspiegeln: Es gibt kein falsches Verhalten, nur einen falschen Kontext. Oder: Jedes einmal gelernte Verhalten kann sich als nützlich erweisen, wenn der Kontext dazu passt. Diesem Umstand kannst Du Rechnung tragen, indem Du folgenden Aspekt berücksichtigst:

„Was ist der Kontext?“

Dieses Werkzeug soll Dich daran erinnern, dass nichts auf dieser Welt in Isolation existiert. In welcher Umgebung vielmehr Ereignisse, Verhalten oder Prozesse passieren, ist entscheidend für ihre Einordnung. Es soll Dich ebenfalls daran erinnern, das sich das Verhalten von Personen und Dingen verändern kann, wenn sich die Umgebung ändert.

Soweit die Vorstellung der „Denkstrukturen“ von Keyes. Ich brauche Dir bestimmt keine Strategien zu beschreiben, wie Du die Informationen dieses Artikels in Dein Leben integrieren kannst. Ob Du Dich für eine Woche oder jeden Tag auf ein anderes Werkzeug fokussierst, ob Du im schriftlichen Ausdruck beim Wiederlesen die einzelnen Werkzeuge berücksichtigst: alles was Du tust, um die Informationen umzusetzen, wir dazu führen, dass sich die Struktur Deines Denkens entwirrt und im Verlaufe der Zeit viel klarer wird. Das wünsche ich Dir von ganzen Herzen.

Hier geht es weiter zum Artikel über Nonverbale Kommunikation

Hier geht es zum Kommunikationsmdell Schuz von Thun.

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3 Kommentare

  • Hi
    immer wieder lese ich gerne auf dieser Seite…
    … Danke dafür.

    Kleiner Hinweis:
    IMHO
    vergiss die schwarzen Löcher als Beispiel,
    denn es könnte sein,
    daß die gar nicht schwarz
    sonder nur tiefdunkelgrau
    sind.
    Vermutete Stephen Hawking
    und so leuchten sie vieleicht
    mit der „Hawking Strahlung“
    (Wikipedia weiß mehr darüber)

    Was dann Deine Ausführung doch wieder bestätigt.
    Also vergiß die Löcher besser doch nicht.

    Mit lieben Grüßen

    Antworten
  • Um das politische Weltgeschehen zu begreifen – es zu analysieren,
    sind diese hier von Ihnen vorgestellten Kommunikations-Werkzeuge
    GOLD-Wert …
    Wie Sie so schön erwähnen:
    „Dieses Werkzeug soll Dich daran erinnern,
    dass nichts auf dieser Welt in Isolation existiert.“

    Wenn wir uns dessen bewusst sind – und unseren Verstand
    auch als geniales Denk-Werkzeug verstehen – begreifen
    und richtig zu nutzen lernen, ist es ein sehr machtvolles Tool,
    das auch diese – unsere – Welt verbessern kann,
    Dank unserer Mit-Hilfe – sozusagen als Mit-Schöpfer. ;-)

    Super Chris – Dankeschön …
    wieder einen Schritt weiter voran gekommen
    und ein bisschen mehr Himmlisches hier auf Erden!
    இڿ-ڿڰۣ– Beate

    Antworten
  • Danke. Wahrheit tut gut. Sprache und Beziehung sind für mich im Augenblick sehr faszinierend. LG Robert

    Antworten

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