Besser mit alltäglichen Aggressionen umgehen

Alkohol ist keine Lösung

Ab und zu finden sich unter den vielen E-Mails von aufmerksamen Lesern Themen, die mich länger beschäftigen. Beim Nachdenken ergeben sich oft Ratschläge, von denen ich meine, sie könnten auch für eine größere Gruppe meiner Leser von Belang sein. So ging es mir mit der E-Mail vom Marvin. Er fragt:

Chris, welche effektive Methode kennst Du, deeskalierend tätig zu werden. Ich bin Jugendlicher und auf manchen Partys trinken manche Jungs einfach zu viel und werden dann aggressiv. Dieser Aggression kann ich  schwer entgehen, außer ich verlasse die Party. Wie gehe ich mit diesen Menschen so um, dass keiner geschädigt wird?

Marvin, das Thema der Aggression ist nicht nur für Dich als Jugendlicher ein Thema, es begegnet jedem von uns im Alltag. Leider oft häufiger, als Dir lieb ist. Zunächst einmal die Fakten, die ich aus Deiner Frage erkenne. Du bist mit den Jungs auf Party. Es wird Alkohol getrunken, der die Hemmschwelle erniedrigt.

Umgang mit Aggressionen im Video erklärt

Aggression: Wenn der Deckel wegfliegt

Dann kommt die ganze Frustration heraus, die der Alltag in der Zeit der Pubertät und der Entwicklung der Persönlichkeit mit sich bringt. Ich schätze Dein Alter auf etwa zwanzig Jahre, also mitten in der Periode der aktiven Ausbildung der Persönlichkeit.

Ein junger Mann in Deinem Alter muss seine Rolle im Leben finden und vieles von dieser Rolle wird ihm über soziale Normen von den Mitgliedern der Gesellschaft vermittelt – oder gleich von ihm verlangt. Diese Ansprüche so ohne weiteres zu akzeptieren ist oft nicht leicht. Zumal oft ein sinnvoller Grund dahintersteckt. Meist geht es um Limitierung und Anpassung, während der persönliche Lebensentwurf oft vom Wunsch nach Freiheit und Abenteuer geprägt ist.

Und zusätzlich kommen all diese Anforderungen nach Benehmen, die sozialen Normen, die eben diese gewünschte Freiheit einschränken… das bringt Spannungen. In Dir selbst und mit Deiner Umwelt. Dies sind Spannungen, die Du in einem angepassten Alltag nicht ausleben wirst oder kannst. Wenn dann die Hemmschwelle sinkt, bei Dir und den Jungs, sind die Folgen vorhersehbar.

Ich meine, die Probleme fangen viel früher an. Eine Party ohne Aggression bräuchte Fruchtsaft und entspannte, ausgeglichen sozialisierte Jungmänner – entspannt und ausgeglichen…beides geht ziemlich an der gelebten Realität vorbei. Ich brauche nur in die U-Bahn zu steigen, um zu sehen, wie diese Phänomene in meinem Kiez in Berlin ablaufen. Da sehe ich jede Menge an sinnlosem Dominanzgerangel. Wer hat das Sagen in der Gruppe, wer ist der Coolste bei der „Präsentation“ vor Fremden? Kommen dann Drogen hinzu, läuft die Sache schnell aus dem Ruder.

Was tun bei Aggression

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass ein sensibler und nicht so sehr auf Krawall gebürsteter junger Mann, so, wie mir Dich vorstelle, mit diesem Machogehabe nix am Hut hat. Ein „richtiger Mann“ würde Dir nun vielleicht den Rat geben: „Du musst männliche Härte lernen, Dich durchsetzen und auch mal kämpfen…!“ aber dieser Ratschlag geht sicher an DEINER Realität vorbei. Da kann ich Dich ganz gut verstehen.

Trotzdem finde ich, dass Dein Wunsch, ANDERE zu verändern nicht die richtige Strategie darstellt. Natürlich kannst Du die NLP Technik der Metakommunikation anwenden und die Aggression bei Deinen Freunden zum Thema machen. Du kannst offen darüber sprechen, was das Verhalten Deiner Freunde mit Dir macht und warum Du solches Verhalten Scheisse findest.

Die Krux dabei ist jedoch, dass DU Ansprüche an Deine Umwelt anmeldest. Wer die Welt verändern will, (ohne sich selbst zu verändern), wird schnell zum Märtyrer oder Revoluzzer – je nach Charakter. Ich halte es deshalb für sehr viel besser, wenn Du darüber nachdenkst, wie Du DICH selbst verändern kannst. Wie Du die beklagten Händel vermeidest, auch um den Preis den dann folgenden Alleinseins.

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Ein Kommunikations-Tipp gegen Provokation

Einen Grundsatz kannst Du Dir merken: Provokation und die nachfolgende Aggression, beginnt fast immer verbal. Mein Tipp für die nächste Fahrt in der U-Bahn: Leg Dir eine gute Antwort zurecht, wenn die die Frage  „Was guckst du“ kommt. Eine Möglichkeit ist, zu sagen: „Sorry Alta, hab Dich mit jemandem verwechselt“ (laut, deutlich und selbstsicher) und danach einfach wegsehen.

Ich weiß wovon ich spreche: In der Zeit meiner Grundausbildung bei der Bundeswehr setzte ich mir Kopfhörer auf und hörte jeden Abend das „Wohltemperierte Klavier“, während die üblichen Saufgelage und daraus resultierend Gegröle und Raufereien um mich herum stattfanden. Ich zog mich zurück und wurde trotzdem als „Paradiesvogel“ respektiert.

Tatsächlich wurde ich von allen Aggressionen ausgespart. Das kannst Du sicherlich nicht in allen Situationen anwenden, vor allem, wenn Du mit Freunden in einer Gaststätte sitzt. Wer weiss, vielleicht steckt ja etwas ganz Besonderes in Dir…:-))

Um es Dir also ganz deutlich zu sagen: Ich halte es für besser, einfach „feige“ vor der beginnenden Aggression davonzulaufen. Wenn jemand mit gehörig Alkohol intus aggressiv wird, sich auf Crystal Meth oder voll mit Amphetaminen für unbesiegbar hält, ist es nicht mutig, dies zu thematisieren und damit buchstäblich ins offene Messer zu laufen. Aktive Konfliktlösung ist in solchen Situationen etwas für Profis, da kannst Du nur verlieren.

NLP gegen Aggression

Nach dem NLP Grundsatz: „Die Landkarte ist nicht die Landschaft“ kannst Du Dir ins Bewusstsein rufen, dass Deine Kameraden auf der Party in diesem Moment in einer völlig anderen Welt leben. In dieser Welt ist das, was Dir nicht gefällt, für sie selbst völlig normal. Denk mal darüber nach. Meist sind Dir die Hände gebunden, wenn es darum geht, das Verhalten Deiner Freunde zu verändern. Du hast jedoch jede Menge Optionen DEIN Verhalten zu verändern.

Darf ich Dir eine kleine Übung vorschlagen: Nimm doch einfach ein Blatt Papier zur Hand und schreibe zwanzig Möglichkeiten auf, wie Du in einer Situation, wie Du sie beklagst, reagieren KÖNNTEST. Wenn Du willst, kannst Du das Szenario ausweiten und die vorgestellten Reaktionen Deiner Freunde dazu schreiben. So schaffst Du Dir Handlungsoptionen und die sind ja im Leben ganz prinzipiell SEHR wünschenswert.

Das heikle Thema der Selbstverteidigung bitte ich Dich, nicht zu unterschätzen. Damit kannst Du bei Dir Wunder bewirken. Vor allem, wenn es um Dein Selbstbewusstsein und Deine Ausstrahlung geht. Zwar werden die meisten von uns (und hoffentlich auch Du) nie in die Situation kommen, sich einem Gegner stellen zu müssen. Deine Bereitschaft, Dich mit körperlicher Aggression zu beschäftigen gehört nach meiner Meinung zur richtigen Sozialisation als Mann – und durchaus auch für die Frau. Das kann sehr sportlich und spielerisch geschehen. Viele Arten der Selbstverteidigung und hier vor allem das Krav Maga, bieten sehr gute Ansätze, gerade auch für junge Frauen. Leider erleben wir in unserer Gesellschaft eine zunehmende Gewaltbereitschaft. Das bemerke ich im kleinen an aggressiven Jugendlichen in der U-Bahn und im grossen an durchgeknallten Politikern und fanatischen Radikalen.

Was kannst Du TUN?

Am Ende meiner Betrachtungen gebe ich Dir eine Erkenntnis aus meinen Erfahrungen in der Sexualpsychologie zum Besten: In vielen Ländern hat man erkannt, dass die zunehmend individualisierte und damit vaterlose Gesellschaft zu vielen Problemen im Zusammenhang mit Aggression in jungen Jahren geführt hat. Es gibt zu wenig verantwortungsbewusste, in ihrer männlichen Kraft stehende Vorbilder für heranwachsende junge Männer. Langfristiger und gesünder, wäre eine gesellschaftliche Veränderung hin zu einer Wiederentdeckung männlicher Initiationsriten.

Zumindest in Berlin gibt es mittlerweile eine gute Szene für Jungs, die sich mit dem Thema des Mannwerdens beschäftigen. Darüber findest Du im Internet Informationen. Und genauso einfach findest Du Möglichkeiten, Kurse in Selbstverteidigung zu besuchen. Du wirst erstaunt sein, wie viele Angebote es für Dich gibt, auch wenn Du gerade nicht in der grossen Stadt lebst.

Zusammenfassende Tipps bei Aggression

Hier die drei wichtigen Punkte nochmals zusammengefasst:

Denke ERSTENS darüber nach, was Aggression mit Dir macht. Denke über DEINE Veränderung nach. Sprich, wenn sie nüchtern sind, mit Deinen Freunden über ihr Verhalten und, was es mit Dir macht.

Beschäftige Dich ZWEITENS mit der Aggression in Dir und um Dich: besuche einen Kurs für Krav Maga und stärke damit Dein Selbstvertrauen. Lerne, Dich im Notfall angemessen zu verteidigen.

Und DRITTENS, beschäftige Dich mit den drängenden und oft VERdrängten Fragen des Mann seins. Besuche einen der vielen Wochenendkurse in Berlin oder anderen Städten. Dort findest Du Gleichgesinnte, die sich auf vielfältige Weise mit dem Thema des Mann seins beschäftigen.

In allen Gruppen wirst Du Freunde finden, die sich nicht vor den auftauchenden Fragen verstecken oder sie in Alkohol ertränken. Dort findest Du junge Männer, von denen mancher schon einen Schritt weiter ist und Dir mit Rat und Tat zur Seite stehen kann.

1 Antwort

  1. Das Wichtigste ist doch wohl, einen kühlen Kopf zu bewahren, um die Situation überhaupt richtig einschätzen zu können. Sonst nietest du jemand mit deinem Krav Maga noch jemand um, der nur eine klare Ansprache gebraucht hätte.

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